Band 17 Neue Familienformen und ihre Herausforderungen

Inhaltsverzeichnis

Jochen Taupitz  / Juliane Boscheinen 
Neue Familienformen und ihre Heraus-
forderungen a
us medizinrechtlicher Sicht

Tobias Helms 
Neue Familienformen: Herausforderungen
aus familienrechtlicher Sicht

Barbara Dauner-Lieb
Care work / Familienarbeit – Eine Frage
der Gerechtigkeit

Nina Dethloff / Anja Timmermann
Multiple Elternschaft – Familienrecht und Familienleben im Spannungsverhältnis

Anne Sanders
Mehreltenschaft als Herausforderung des Familienrechts

Hans-Joachim Cremer / Layla Kristina Jaber / Katharina Longin
Zur Wirkung des Rechts auf Achtung des Familienlebens nach Art. 8 EMRK im deutschen Recht

Josef Salzgeber
Herausforderungen durch neue Lebensformen aus der Sicht des praktisch tätigen Sachverständigen

Sabine Walper
Biologische und soziale Elternschaft im Wandel: Alte und neue Herausforderungen

Anhang: Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches zur Abstammung

Vorwort
Wie auch beim Deutschen Juristentag im vergangenen Jahr (2016) konstatiert wurde, hat unser Familienrecht zwar noch ein Leitbild, nämlich das Leitbild der Ehe, aber lange schon sieht die soziale Realität anders aus und auch die Ehe selbst wandelt sich. Fast eine Million Unverheiratete leben heute in Deutschland in einer Gemeinschaft mit Kindern, sei es mit gemeinsamen Kindern oder sei es in der schon sprichwörtlichen „Patch- work“-Familie. Bei den Kindern wiederum sind es schon an die 10 %, die bei Stiefeltern leben – ganz „normalen“ Stiefeltern, wie wir sie schon lange kennen –, zunehmend aber auch bei gleichgeschlechtlichen Partnern, denen zu Beginn des Jahres noch die ansonsten übliche Form der Adoption verwehrt blieb und die – eine atemberaubende Geschwindigkeit in der Umstellung – nun heiraten können wie jedes andere Paar auch. 
Dieser „soziale Wandel“ von Elternschaft, Kindheit und Ehe – für viele immer noch „ungewöhnlich“, aber gleichwohl doch noch „natürlich“–, wird nun überlagert von technischen Neuerungen im Umfeld der El- tern-Kind-Beziehung. Seit Jahrzehnten rücken Praktiken und Weiterent- wicklungen der Reproduktionsmedizin in den Fokus unserer Aufmerk- samkeit. Kinderlosigkeit wird nicht mehr einfach als Schicksal wahrge- nommen, sondern in Kategorien von Fortpflanzungsfreiheit gedacht. Hunderttausende von Paaren machen allein in Deutschland davon Ge- brauch – und was, anders als zum Teil im Ausland, heute noch bei uns verboten ist, wird auch hier zunehmend debattiert: etwa Eizellspende oder Leihmutterschaft. Auch der Zugang zu Behandlungen durch die Reproduktionsmedizin ist in einem Wandlungsprozess begriffen.
Was wird bei all dem in naher Zukunft an sozialem und technologi- schem Wandel noch weiter auf uns zukommen?
Eine Frage wird sein, ob und wie in Familien, die auf zum Teil ganz neuartige Weise zusammengesetzt sind, die rechtlichen Verpflichtungen der sozialen Rolle folgen werden. Sollte das Recht in einer Art Baukastensystem unterschiedliche soziale Modelle auf dem Markt der juristischen Möglichkeiten von Vergemeinschaftung anbieten oder sollte es jedem Paar ganz alleine überlassen, welche besondere Situation es gerade für die eigene Beziehung vorzieht? Werden Elternvereinbarungen wichtiger?
Ein zentraler Streitpunkt ist heute auch der um die Rechtsstellung des biologischen Vaters. Wie soll man sein Umgangsrecht regeln? Und soll er die Vaterschaft anfechten können? Entscheidungen des Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zu diesen Fragen fordern hier eine baldige Reaktion des Gesetzgebers. Eine andere Debatte trifft direkt die Kinderrechte: Wie ist die Stellung der Kinder, wenn sie im Ausland aufgrund einer Leihmutterschaft für deutsche Eltern ausgetragen und geboren werden – haben sie dann drei rechtliche Elternteile?
Das Abstammungsrecht, das Adoptionsrecht und das Sorgerecht werfen zahlreiche neue Fragen auf, desgleichen das Unterhaltsrecht und das Erbrecht. In all diesen Bereichen ist gesetzgeberische Fantasie gefordert, müssen Lösungen einzelnen Problemen gerecht werden und zugleich miteinander und mit der Struktur des gesamten Familienrechts sinnvoll vereinbar sein, müssen neue Regelungen von der gelebten Familie ihren Ausgang nehmen und zugleich den allgemein anerkannten Rechtsprinzipien genügen.
Wie diese sozialen, technologischen und rechtlichen Herausforderungen angegangen werden sollten, war Thema der Jahrestagung 2017 des Instituts für angewandte Ethik. Wie jedes Jahr werden die gehaltenen Vorträge, ergänzt um weitere Beiträge, wieder in einem Sammelband einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt
im November 2017

       Gerd Brudermüller                                                         Kurt Seelmann