Band 16 Erzwungene Selbstverbesserung

Inhaltsverzeichnis

Jan P. Beckmann
Zur normativen Grundlage der gesetzlichen Regelung der Präimplantationsdiagnostik (PID) aus ethischer Sicht

Thomas Gutmann 
Perfektionierungszwang? Autonomie und Freiwilligkeit in den Bereich Perfektionierungszwang? Autonomie und Freiwilligkeit in den Bereichen pränataler Diagnostik und neurologischen Enhancements

Martino Mona
Optionen als Zwang? Selbstperfektionierung und gesellschaftlicher Druck im Kontext von Human Enhancement

Michelle Lachenmeier
Rechtlicher Übersetzungsversuch des bioethischen Arguments des sozialen Drucks

Dieter Birnbacher
Transhumanismus – Trivialität oder Provokation? 

 

Vorwort

Die Biotechnologie schafft immer mehr Möglichkeiten und erweitert unsere Handlungsoptionen. Heute schon können wir  im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor der Einpflanzung in die Gebärmutter auf schwere vererbbare Krankheiten untersuchen, ja auf alle Chromosomenabweichungen screenen und ggf. die Embryonen sodann verwerfen. Heute schon verwenden wir leistungssteigernde Mittel, um uns mental – kognitiv und emotional – „besser“ zu machen. So gesehen stehen wir vor einem Zuwachs an Autonomie. Und die Möglichkeiten werden wöchentlich mehr.

Aber wenn Embryonenscreening und Gehirndoping verfügbar sind, wächst dann nicht auch der soziale Druck, davon Gebrauch zu machen? „So etwas muss man doch heute nicht mehr haben“, sagt man dann den Eltern eines Kindes mit Trisomie 21. „Mit etwa Doping hätte Ihr Sohn sicher das Abitur geschafft“, hält man anderen Eltern vorwurfsvoll entgegen. Wer da nicht mitmachen will, könnte schnell spüren, dass die Entwicklung auch für ihn mit Einschränkungen von Autonomie verbunden ist.

Was das Institut für Angewandte Ethik an seiner Jahrestagung 2015 interessiert hat, ist die ethische und rechtliche Einschätzung solchen sozialen Drucks auf Konformität zugunsten neuer Möglichkeiten der Biotechnologie. Sind solche neuen Möglichkeiten schlicht zu akzeptieren oder muss man sie gar verbieten? Oder nur mit Auflagen zulassen? Wessen Freiheit wiegt in einem liberalen Rechtsstaat mehr: die des Fortschrittsnutzers oder die des Fortschrittsskeptikers? Oder müssen beide zu einem Kompromiss gelangen und wie sähe der dann aus? Oder aber ist die Frage, wenn man sie so stellt, ganz falsch gestellt, weil die Schaffung eines sozialen Drucks zum Mitmachen die Freiheit gar nicht wirklich beeinträchtigt?

Theoretisch steht hinter diesem praktischen Dilemma die Frage, worin genau sich ein solcher sozialere Druck auf Nutzung biotechnologischer Möglichkeiten von einem rechtlich relevanten, d.h. verbotenen und unter Umständen sogar strafbaren, Zwang unterscheidet, der selbstverständlich verboten und als Nötigung sogar strafbar ist. Die einen nehmen sozialen Druck wie einen Zwang wahr und möchten ihn auch in gleicher Weise ächten, die anderen insistieren darauf, dass auch der Verweigerer seine Freiheit zum Verweigern behalte –mit der Möglichkeit, mitzumachen, sich sogar einer Option mehr erfreue und damit eines Mehr an Freiheit.

Die Beiträge stammen von Philosophen und Juristen:

 Prof. Dr. phil. Dr. med. h.c. Jan C. Beckmann, Hagen, stellt als Philosoph die Verweigerungsproblematik in den Kontext der anderen ethischen Probleme bei der Präimplantationsdiagnostik (PID). Prof. Dr. iur. Thomas Gutmann, Münster, gibt als Rechtsphilosoph einen grundsätzlichen Überblick über „Autonomie und Freiwilligkeit“ in ihrer ethischen und rechtlichen Bedeutung. Prof. Dr. iur. Martino Mona, LL.M., Bern, greift als Rechtsphilosoph die Grundsatzdebatte über die schwierige Frage eines möglichen Zwangscharakters der Eröffnung zusätzlicher Optionen auf. Die Doktorandin Michelle Lachenmeier, MLaw, Basel, die ihre Doktorarbeit zu diesem Themenkreis verfasst, gibt einen Überblick über die Problematik der Unterscheidung von Zwang und sozialem Druck. In den größeren Kontext des Transhumanismus stellt schließlich Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Dieter Birnbacher, Düsseldorf, die Enhancement-Problematik und zeigt dabei zugleich die Trivialität und die gefährlichen, letztlich körperfeindlichen Tendenzen aller Versuche, den Menschen als Gattungswesen verbessern zu wollen.

               Gerd Brudermüller                                            Kurt Seelmann