BAND 8 - Menschenwürde - Begründung, Konturen, Geschichte

Inhaltsverzeichnis:
Dieter Birnbacher
Annäherungen an das Instrumentalisierungsverbot
Konrad Schüttauf
Menschenwürde - Zur Struktur und Geschichte des Begriffs
Gerhard Luf
Der Grund für den Schutz der Menschenwürde - konsequentialistisch oder deontologisch
Matthias Herdegen
Deutungen der Menschenwürde im Staatsrecht
Kurt Seelmann
Menschenwürde und die zweite und dritte Formel des Kategorischen Imperativs. Kantischer Befund und aktuelle Funktion
Wolfgang Marx
Grundrechte - keine kollektiven Intuitionen, sondern Grundlegungsbedingungen der Generierung eines Rechtssystems
Ulrich Steinvorth
Menschenwürde, Menschenrechte, Menschenpflicht
Paolo Becchi
Menschenwürde: Die italienische verfassungsrechtliche Variante im Vergleich zur deutschen
Jörn Müller
Ein Phantombild der Menschenwürde: Begründungstheoretische Überlegungen zum Zusammenhang von Menschenrechten und Menschenwürde

Vorwort
Über das Thema Menschenwürde wird seit Jahrzehnten intensiv debattiert. Wenn hierbei auch seit den 80er Jahren zunächst der Kontext der Biotechnologie und damit zusammenhängende Fragen im Vordergrund standen, so haben doch, daran anknüpfend oder separat, immer auch Grundsatzfragen des Würdeschutzes eine wichtige Rolle gespielt. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts lag eine solche Fülle an Literatur zum Thema Menschenwürde in Monographien, Sammelwerken und Aufsätzen vor, dass man sich kaum noch vorstellen konnte, jemand überblicke weiterhin das gesamt Terrain. Wenn das Institut für Angewandte Ethik in Bad Dürkheim gleichwohl seine Jahrestagung 2007 dem Thema Menschenwürde gewidmet hat, dann deshalb, weil noch oder wieder einige zentrale Aspekte der Thematik einer Klärung bedürfen. Das ist zum einen die bei weitem noch nicht genügend aufgearbeitete Geschichte der Beschäftigung mit der Würdeproblematik. Hier ist im Umfeld von Kant, auf den man sich für das moderne Würdeverständnis zumeist stützt, aber auch weit dahinter zurück noch vieles nicht hinreichend klar. Konrad Schüttauf und Kurt Seelmann gehen in ihren Beiträgen auf solche historische Fragestellungen ein. Nur am Rande sei erwähnt, dass auch noch die neuere Geschichte, speziell der späten 40er und frühen 5Oer Jahre, also etwa in der Zeit, als das Grundgesetz entstand bzw. erstmals grundlegend interpretiert wurde, genauerer Untersuchungen harrt. Fundamentale Differenzen bestehen weiter bei der Frage einer Begründung des Menschenwürdeschutzes. Soll und kann man sie deontologisch anlegen im Sinne klassischen oder modernen Naturrechts oder der Philosophie des deutschen Idealismus? Oder ist heute nur noch eine konsequentialistische Begründung möglich, dann vielleicht mit gewissen Abstrichen an einer "Mitgift-Theorie", wie sie Jahrzehnte lang gängig war? Die Auseinandersetzung zwischen Ernst-Wolfgang Böckenförde und Matthias Herdegen, die sogar bis in die Feuilletons der Zeitungen hinein reichte, legt davon Zeugnis ab. Gerhard Luf und Matthias Herdegen haben dazu Beiträge verfasst. Solche Debatten machen schließlich erkennbar, dass hinter dem Begriff der Menschenwürde manch anderes Grundsatzproblem lauert, in dessen Kontext Menschenwürde zu sehen ist. Dazu gehört etwa die Frage nach der Bedeutung von Instrumentalisierung (vgl. den Beitrag von Dieter Birnbacher), nach Grundrechten als Grundlagenbedingung der Generierung eines Rechtssystems (vgl. den Beitrag von Wolfgang Marx) und nach dem Verhältnis der Menschenwürde zu Menschenrechten und einer Menschenpflicht (vgl. die Beiträge von Jörn Müller und Ulrich Steinvorth). Die Debatten machen weiter neugierig darauf, wie "deutsch" die Menschenwürde-Thematik eigentlich ist und wie sie, im Falle ihrer Internationalität, in anderen Ländern abläuft. Damit befasst sich der Text von Paolo Becchi am Beispiel Italiens. Im Anhang werden zur Veranschaulichung der Debatte einige Dokumente abgedruckt: Ausschnitte aus der Verfassung und internationalen Konventionen, aber auch inzwischen als klassisch anzusehende Beiträge aus der Entstehungszeit und den ersten Jahren des Grundgesetzes.