BAND 5 - Forschung am Menschen

Inhaltsverzeichnis

Dieter Birnbacher
Forschungspolitik zwischen nationaler ethischer Kultur und internationaler Freizügigkeit: Das Beispiel des Menschenrechtsübereinkommens zur Biomedizin
Christoph Rehmann-Sutter
Das Politische der experimentellen Medizin
Verena Schwander
Medizinische Forschung am Menschen zwischen Wissenschaftsfreiheit und Persönlichkeits schutz. Zur Rechtslage in der Schweiz
Jochen Taupitz
Ethikkommissionen in Deutschland
Margrit Kessler
Anforderungen an die Forschung am Menschen aus Patientensicht
Martin Westhofen
Experimente am Menschen in der Medizin 
Methodologie der Medizinwissenschaft, Akzeptanz der Öffentlichkeit
Kurt Seelmann
Paternalismus und Solidarität bei der Forschung am Menschen
Jochen Taupitz
Forschung an nicht einwilligungsfähigen Patienten
Reinhard Merkel
Fremdnützige klinische Forschung an Einwilligungsunfähigen?
Rechtsethische Grundlagen
Martin Westhofen
Experiment am Menschen
Selbstbestimmung, Paternalismus, Fremdbestimmung
Volker Lipp
Selbstbestimmung und Humanforschung
Wolfgang Marx
Gilt die Bewahrung der Integrität des Menschen unbedingt?

Forschung an Embryonen und Stammzellen
Alberto Bondolfi
Einige ethische Dimensionen der Stammzellenforschung
Marisa Jaconi
Embryonale Stammzellen: Neues Therapiepotential für degenerative Erkrankungen
Jean-Francois Collange
Clonage therapeurique et cellules souches. La situation francaise

Vorwort
In einer an neuen empirischen Erkenntnissen und am Modell eines Fortschreitens der diagnostischen, therapeutischen und palliativen Möglichkeiten orientierten Medizin ist die Überprüfung der hierfür notwendigen Hypothesen an Menschen schon aus wissenschaftlichen Gründen unvermeidlich. Zum Schutz derjenigen, denen neue Medikamente und neue medizinische Verfahren schließlich beim Erkennen, Heilen oder Lindern ihrer Krankheiten helfen sollen, erscheint eine gründliche vorherige Erforschung moralisch und rechtlich sogar dringend geboten, ja zwingend. Auf der anderen Seite assoziiert zumindest der medizinische Laie mit "Forschung am Menschen" durchaus auch ein gewisses Gefahrenmoment. Scheint doch der Gedanke an Experimente mit Menschen deutlich aus dem Rahmen dessen zu fallen, was wir als adäquate Interaktion zwischen Menschen im Alltag akzeptabel finden. Und die Geschichte der politisch instrumentalisierten Medizin insbesondere im noch nahen 20. Jahrhundert mit teilweise grausamen Menschenversuchen gegen den Willen der Beteiligten tut ein Übriges dazu, dass auf den Gedanken einer "Forschung am Menschen" in der Öffentlichkeit mit großer Sensibilität reagiert wird. Sollen ethischen Grenzen medizinischer Machbarkeit bei der Forschung am Menschen wirksam werden, bedürfen sie einer rechtlichen Regelung. Im öffentlichen Interesse an einem planmäßigen, transparenten und überprüfbaren Vorgehen bei solchen Forschungen, aber auch und gerade im Interesse der involvierten Patientinnen und Patienten sowie Probandinnen und Probanden und schließlich auch im Interesse der Forschenden selbst, die sich auf ethisch und juristisch tragfähigem Grund bewegen wollen, müssen deshalb klare gesetzliche Leitlinien bestehen. Die Schweiz plant derzeit auf Bundesebene ein Gesetz zur Forschung am Menschen, das alle Facetten der Problematik erfassen soll. In Deutschland regeln Richtlinien und Leitlinien der Deutschen Bundesärztekammer eine Reihe von Einzelaspekten. Auf europäischer Ebene sind Regelungen ebenfalls in Arbeit. Der Angelpunkt einer jeden gesetzlichen Regelung der Forschung am Menschen ist unumstritten der Gedanke der Autonomie derjenigen Patientinnen und Patienten, Probandinnen und Probanden, an denen medizinische Forschung erfolgt. Ihr "informed consent" bildet jedenfalls grundsätzlich den Ausgangspunkt aller weiteren Überlegungen. Wenn heute gleichwohl international die Einwilligung von Patient und Proband als nicht ausreichend für die Legitimation medizinischer Forschung erachtet wird, wenn zusätzlich das positive Votum einer sog. Ethikkommission gefordert wird, so hat dies insbesondere zwei Gründe: Die Wirksamkeit der Einwilligung hängt schon im Normalfall ärztlicher Therapie aus ethischen und juristischen Gründen von der Aufklärung über die Tragweite der gegebenen Einwilligung, also über die Bedeutung des Eingriffs, ab. Im Fall der Forschung erfordert die Abgabe von Prognosen über mögliche Wirkungen und Nebenwirkungen ganz besondere Fachkenntnisse, sind aber auch die involvierten Interessen der Beteiligten in einer sehr komplexen Verschränkung. Die Überprüfung der Risikosituation, der Fachkompetenz der Forschenden, der Patienten- bzw. Probandeninformation und der Interessenkonstellation durch eine zugleich unabhängige und mit hoher medizinischer, ethischer und juristischer Kompetenz ausgestattete Kommission erscheint deshalb bereits für die Gewährleistung einer Wirksamkeit der Einwilligung unverzichtbar. Hinzu kommt die Notwendigkeit einer Risiko/Nutzen-Abwägung, für deren Prämissen wieder hohe medizinische Fachkenntnisse, für deren Ausführung aber auch Kompetenz in der Strukturierung ethischer Dilemmata gehört. Allerdings stellen sich dabei viele Fragen: Wie etwa legitimiert sich das zur Gewährleistung der Autonomie hinzutretende Abwägungserfordernis mit seiner paternalistischen Ausrichtung? Wie soll die Ethikkommission mit einer aus ihrer Sicht "überflüssigen" Forschung umgehen, wie mit einer solchen, die aus der Sicht der Kommission lediglich kommerziellen Interessen dient? Welche ethischen Kriterien darf sie im pluralistischen Rechtsstaat überhaupt zugrunde legen? Wie sollten Ethikkommissionen überhaupt zusammengesetzt sein und welcher juristische Status mit welcher Verbindlichkeit ihrer Entscheidungen kommt ihnen zu? Vielleicht sind aber, wenn es um Forschung am Menschen geht, diejenigen Fälle am schwierigsten zu klären, bei denen erwogen wird, Eingriffe auch gegen den Willen von Patient oder Proband zuzulassen. Das ist, wenn es um Therapieversuche an Kindern z.B. mangels Bestehens einer Standardtherapie geht, nicht im Prinzip umstritten, wirft aber viele juristische Fragen auf. Schwieriger ist die Lage schon bei ausschließlich drittnützigen Forschungen. Auch die Befürworter solcher Forschungen gehen davon aus, dass dies eng umgrenzte Ausnahmen bleiben müssen, etwa wenn es um die Forschung an Gruppen von Patienten (z.B. mit Alzheimer-Demenz) geht, an denen andernfalls nicht geforscht werden könnte. Die Gegner sehen hier die Menschenwürde tangiert und/oder befürchten in der Abwendung vom Autonomieerfordernis eine "slippery slope". An drei Tagungen nahm sich das IAE vor, zur Forschung am Menschen interdisziplinär Problemfelder zu erhellen, die wichtigsten Fragen herauszuarbeiten und Strategien bei der Suche nach Antworten zu entwickeln. Als Florilegium dieser Tagungen liegt nun der Sammelband vor, der die Referate vereinigt. Ergänzt werden sie durch eine Sammlung von Materialien zu den Themen Forschung am Menschen und Forschung an Embryonen und Stammzellen.