BAND 2 - Organtransplantation

I. Grundfragen
Dieter Birnbacher
Organtransplantation - Stand der ethischen Debatte
Kurt Seelmann
Organtransplantation - die strafrechtlichen Grundlagenprobleme
Johann S. Ach
Xenotransplantation, Bioethik und Verlust der "Natürlichkeit"
Bernd Pohlmann-Eden
Medizinisch-naturwissenschaftliche Grundlagen der Hirntoddiagnose

II. Einzelprobleme
Thomas Gutmann/Werner Land
Ethische und rechtliche Fragen der Organverteilung: Der Stand der Debatte
Johann S. Ach / Urban Wiesing
Ethische Aspekte des Organmangels und der Organverteilung
Ulrich Steinvorth
Wem gehören meine Organe?
Ulrich Schroth
Die strafrechtlichen Tatbestände des Transplantationsgesetzes
Friedrieh-Chr. Schroeder
Gegen die Spendenlösung bei der Organgabe
Ute Walter
Befugnisse der Angehörigen bei der Organentnahme nach dem Transplantationsgesetz
Gilbert Thiel
Wie soll die Organentnahme bei Toten zum Zweck der Transplantation geregelt werden - Gedanken eines Schweizer Arztes 

Vorwort
Der vorliegende Band ist aus einem Symposium des Instituts für Angewandte Ethik e. V. zur Organtransplantation hervorgegangen und um einige weitere Beiträge ergänzt worden. Ziel des Symposiums war die Verbindung von medizinischen, juristischen und ethischen Fragestellungen der Thematik zu einem interdisziplinären Gespräch. Kaum eine andere medizinische Innovation der letzten Zeit hat nämlich zugleich auch zu einer so flächendeckenden Vermessung von Recht und Ethik geführt wie die Transplantation. Wann endet der rechtliche Schutz des Lebens, wann ist der Mensch tot, wann hört er auf, ein Rechtssubjekt zu sein? In welchem Maß kann er als Lebender, aber auch über den Tod hinaus  über seinen Körper bestimmen, und was darf ihm die Gemeinschaft insoweit verbieten, was darf sie ihm an Solidarität abfordern? Welchen Anspruch auf Pietät haben Angehörige, welchen Schutz von Trauerarbeit kennt das Recht? Wer hat in all diesen Fragen, besonders aber wenn es um den Handel mit Organen geht, eine Definitionsmacht über Menschenwürde? Und nach welchen Kriterien schließlich sollen verfügbare knappe Organe unter denen verteilt werden, die ihrer zum Weiterleben bedürfen - nach Effizienz, nach Chancengleichheit oder nach Dringlichkeit? Person, Lebensrecht, Freiheit und Sozialbindung, Pietät, Menschenwürde und Verteilungsgerechtigkeit - einige der wichtigsten Problemstellungen des Rechts und der Ethik bilden hier zusammen mit der modernen Medizin eine Schnittmenge. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen: Bei der Lebendspende fordert das neue deutsche Transplantationsgesetz Verwandtschaft oder eine besondere persönliche Verbundenheit. Das Ziel einer solchen Einschränkung könnte zwar sein, schon durch die Begrenzung auf einen solchen ersonenkreis den Organhandel und damit möglicherweise verbundene psychische Pressionen auf den potentiellen Spender zu minimieren. Doch schon, ob man den Organhandel wirklich verhindern sollte, ist international durchaus umstritten. Auch lässt sich sicherlich darüber streiten, ob innerhalb der genannten Empfängergruppe der Spender nicht vielleicht in manchen Fällen noch einer größeren Gefahr psychischer Pressionen ausgesetzt ist. Die Schweiz z. B. kennt ein solches Nähe-Erfordernis zwischen Lebendspender und Empfänger nicht. Kreuzspenden zwischen zwei Ehepaaren, die aus medizinischen Gründen nicht untereinander, wohl aber "über Kreuz" eine Niere spenden können, sind dort zulässig. Besondere Aufmerksamkeit in der öffentlichen Debatte erregt natürlich das Todeskriterium bei der Spende ex mortuo. Das Hirntod-Konzept, das den Tod durch den Ausfall sämtlicher Gehirnfunktionen definiert, ist neuerdings, insbesondere in der Gesetzgebungsdebatte in Deutschland, in Zweifel gezogen worden. Akzeptiert man den Hirntod als Todeszeitpunkt, so bleibt die Frage, wie sich der völlige Funktionsausfall des Gehirns mit Sicherheit feststellen lässt. Daß sodann bei der Lebendspende die Einwilligung des über den Eingriff sowie dessen Risiken und Folgen umfassend aufgeklärten Spenders vorausgesetzt wird, ist unumstritten. Umstritten ist hingegen, welche Einwilligungsanforderungen an die Entnahme ex mortuo zu stellen sind. Muss der Spender zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt haben (enge Zustimmungslösung)? Oder reicht es schon aus, dass er nicht ausdrücklich widersprochen hat (enge Widerspruchslösung)? Oder kommt es, insbesondere wenn keine ausdrückliche Aussage des Spenders zu Lebzeiten vorliegt, auf den Willen der Angehörigen an (weite Zustimmungs- bzw. Widerspruchslösung)? Für die Entscheidung zwischen den Varianten wird jedenfalls maßgebend sein, ob man die Pflicht zum Widerspruch schon für eine zu große Zumutung für den nicht zur Spende bereiten Bürger hält, ob man darin etwa gar einen Verstoß gegen das Recht sehen will, über seine Weltanschauung zu schweigen (negative Weltanschauungsfreiheit). Das Gesetzgebungsverfahren in der Schweiz hat hier einen bedeutsamen Streitpunkt. Aber auch in Deutschland sind keineswegs alle Fragen geklärt. Eine weite Zustimmungslösung ist hier vorgesehen, die freilich Fragen offen lässt. Welches dürfen schließlich die Kriterien für die Verteilung der knappen Organe sein? Gesetze schweigen sich hier oft aus und delegieren an bestimmte Vermittlungsstellen - auch das deutsche Transplantationsgesetz spricht mehr nebenher davon, die Organe seien "insbesondere nach Erfolgsaussicht und Dringlichkeit für geeignete Patienten zu vermitteln". Schon dass es zwischen den Kriterien der Erfolgsaussicht und der Dringlichkeit Konflikte geben kann, und dass mit der Wartezeit ein weiteres möglicherweise mit beiden andern Kriterien konfligierendes Kriterium vorliegt, wird nicht ausreichend deutlich. Die Schweizerische Bundesverfassung fordert schlicht eine "gerechte Zuteilung von Organen" und überlässt die Kriterien der Gerechtigkeit dem noch zu schaffenden Bundesgesetz und dieses wird die Entscheidung hoffentlich nicht weiter auf den Verordnungsweg abschieben. Dies sind, wie erwähnt, nur ein paar Beispiele für die schwierigen rechtlichen und ethischen Fragestellungen bei der Organtransplantation. Die Autoren dieses Bandes greifen diese und viele andere Fragestellungen auf und suchen sie einer Lösung näher zu bringen. Da eine Errungenschaft wie die Transplantationsmedizin eine gravierende Intervention in die menschliche Leiblichkeit darstellt, wird sie wohl auch weiterhin von intensiven und kontroversen normativen Diskussionen, sowohl im Bereich der ethischen Grundsatzreflexion als auch in dem der rechtlichen Regulierung begleitet sein.